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Geld macht faul: Die Folgen einer Gehaltserhöhung / Wissen

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DEFGH
NEUESTE NACHRICHTEN AUS POLITIK, KULTUR, WIRTSCHAFT UND SPORT
HF2 HK2 HS2 HH2 München, Dienstag, 1. September 2009 DEUTSCHLAND-AUSGABE 65. Jahrgang
/ 36. Woche / Nr. 200 / 1,90 Euro
(SZ) „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt“: Das Zitat wird Napoleon
Bonaparte zugeschrieben, der nicht nur weite Kriegszüge unternahm, sondern gelegentlich
auch die Grenze zum Ridikülen überwand. Wer lächerlich ist, wird verlacht oder,
wenn er sich in feineren Kreisen aufhält, auch nur belächelt. Das Lächeln hat
aber wie das Lachen so viele Gesichter, dass Trippelschritte ausreichen, um von der
einen Abstufung zur nächsten zu gelangen. Es gibt die diabolische und honigsüße
Erscheinung, die schurkische, freundliche, frostige, sardonische, und neben all den
dümmlichen, gemeinen und dreckigen Ausformungen auch solche, die aus dem reinen
Herzen kommen. Vom Lächeln zum Grinsen ist ein großer Schritt. Wer grinst, signalisiert
entweder Verlegenheit oder Überlegenheit. Dauergrinsen ist nicht ansteckend, aber
von Fall zu Fall schmerzhaft für die Kontaktpersonen. Bekannte Dauergrinser sind
Florian Silbereisen, Stefan Raab und der Dalai Lama. Jürgen Trittin wird gelegentlich
befallen, womöglich aus einer Kombination von Überlegenheit und Verlegenheit. Das
Land des Lächelns ist bekanntlich im Osten, irgendwo dort, wo auch Japan liegt.
Japaner haben schon die Kamera erfunden, deren Automatik erst bei einem Lächeln
auslöst. Die Funktion eignet sich allerdings nur zum Fotografieren von Grinsekatzen
und Menschen. Wer sie beim Anblick einer Abendröte zuschaltet, muss warten, bis
er alt und grau ist. Nur Japaner kennen an die hundert Varianten des Lächelns, welche
mit einem Gerät namens Smile-Scan erfasst werden können. Solche Apparate kommen
zur Zeit in 15 Regionalbahnhöfen zum Einsatz, damit das Schalterpersonal im Ballungsraum
Tokio sein Lächeln kontrollieren und perfektionieren soll. Es ist ein Wettkampf
um den strahlendsten, entspanntesten Ausdruck, gemessen von einem Computersensor,
der Punkte von null bis hundert vergibt. Immer nur lächeln und immer vergnügt.
So zeigen die Beschäftigten dieser japanischen Eisenbahngesellschaft nun ihr schönstes
Gesicht. Kein Wunder: Wo die Züge pünktlich sind, ist nicht nur der Kunde, sondern
auch das Personal fröhlich. Das Modell ist deshalb auch nur bedingt auf hiesige
Verhältnisse übertragbar. Muss die Dame im Servicepoint dem Fahrgast mitteilen,
dass der Anschlusszug leider versäumt wurde; muss der Zugbegleiter den dicht an
dicht in den Gängen verpressten Reisenden sagen, dass leider auch im Speisewagen
kein Sitzplatz mehr frei ist; muss seine Kollegin darüber aufklären, dass die Weiterfahrt
wegen eines Triebkopfschadens derzeit leider unmöglich ist – dann wäre ein zuckersüßes
Lächeln nicht sehr passend, es würde als lächerlich empfunden. Deutsches Bahnpersonal
sollte sich besser an Buster Keaton orientieren – dem Mann, der niemals lachte.

Hatoyama plant raschen Wechsel
Japans Wahlsieger verspricht Politik ohne „Arroganz“
Tokio – Nach dem historischen Sieg der Demokratische Partei Japans (DPJ) bei der
Parlamentswahl am Sonntag hat Parteichef Yukio Hatoyama dem Land versprochen, als
Premierminister nicht in die „Arroganz“ der abgewählten Liberaldemokraten zu
verfallen. Um eine rasche Übernahme der Regierungsgeschäfte zu erreichen, beriet
Hatoyama bereits am Montag mit den Führungsgremien der DPJ über die Zusammensetzung
der neuen Regierungsmannschaft. Der geschlagene Ministerpräsident Taro Aso von den
Liberaldemokraten (LDP), die Japan seit 1955 regiert hatten, übernahm die Verantwortung
für die verheerende Niederlage seiner Partei und trat als Parteichef zurück. Hatoyama
will sein Kabinett in etwa zwei Wochen vorstellen, wenn er vom Parlament als Regierungschef
bestätigt wird. (Seiten 4 und 8) SZ

Betretene Gesichter: Bundeskanzlerin Merkel wirkte beim Auftritt mit Sachsens Ministerpräsident
Stanislaw Tillich (Mitte) und Thüringens Landeschef Dieter Althaus (rechts) alles
andere als zufrieden. Trotz der deutlichen Verluste für ihre Partei am Sonntag behauptete
die Kanzlerin, die CDU liege „vollkommen richtig“. Foto: Davids

Paris und Berlin wollen Banker-Gehälter regeln
Berlin – Deutschland und Frankreich wollen gemeinsam ein internationales Regelwerk
für die Bezahlung von Spitzenmanagern in Banken durchsetzen. Bei einem Treffen der
Finanzminister der G-20-Staaten am kommenden Wochenende wollen die Vertreter beider
Länder einen entsprechenden Vorstoß starten. Am Montagabend wollten Bundeskanzlerin
Angela Merkel und der französische Präsident Nicholas Sarkozy das Thema besprechen.
(Wirtschaft) SZ

Nach starken Verlusten bei den Landtagswahlen

CDU-Spitze schart sich um Merkel
Vorstand ignoriert Unmut der Basis über defensive Strategie und gibt Kanzlerin bis
zur Bundestagswahl freie Hand
Von Stefan Braun und Nico Fried schwarz-gelber Koalitionen zu demonstrieren, erwartet
die CDU-Führung zudem eine schnelle Regierungsbildung des sächsischen Ministerpräsidenten
Stanislaw Tillich mit der FDP. Zuvor hatten insbesondere der Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung,
Josef Schlarmann, und der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, mehr
Profil und einen klaren Lagerwahlkampf gefordert. In den Gremiensitzungen dagegen
schwiegen beide. Allein Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff warb dort
für eine klarere Linie und Konzentration auf die Linkspartei, war damit aber bei
Merkel und Pofalla erfolglos geblieben. CSU-Chef Horst Seehofer hingegen rief die
Union zu einer härteren inhaltlichen Auseinandersetzung mit Rot-RotGrün, aber auch
mit dem Wunschkoalitionspartner FDP auf. CDU und CSU müssten jetzt mit Vollgas in
den Bundestagswahlkampf gehen und sich inhaltlich stärker profilieren. Die Landtagswahlen
hätten bewiesen, dass „die Bundestagswahl noch längst nicht gewonnen ist, aber
wir eine sehr realistische Chance haben, auf Bundesebene SchwarzGelb zustande zu
bringen“, sagte Seehofer. Gleichzeitig bekräftigte er, dass die CSU sich in einer
solchen Koalition als Widerpart der FDP verstehe. Die SPD sieht sich wieder im Aufwind.
„Der Kampf ist offen“, sagte Parteichef Franz Müntefering mit Blick auf die
Bundestagswahl. Die SPD werde sich darauf konzentrieren, eine schwarz-gelbe Koalition
im Bund zu verhindern. „Dann gibt es neue Situationen“, sagte Müntefering. Möglich
sei etwa eine Ampelkoalition mit den Grünen und der FDP. Die Fortsetzung der großen
Koalition stehe „ganz, ganz hinten“. Eine Zusammenarbeit mit der Linken im Bund
schloss er aus. Umgekehrt erteilte auch Linken-Parteichef Oskar Lafontaine einer
Koalition mit der SPD im Bund eine Absage: „Solange der Sozialstaat zertrümmert
und zerstört wird, ist die Chance zur Zusammenarbeit gleich null.“ FDP-Chef Guido
Westerwelle warnte davor, bereits von einem schwarz-gelben Wahlsieg im Bund auszugehen.
CDU und besonders CSU ermahnte er angesichts der Angriffe gegen die FDP, sie müssten
klarmachen, „dass der Gegner links steht“.

B e r l i n – Trotz massiver Verluste bei den Wahlen in Thüringen und im Saarland
und eines wachsenden Unmuts an der Basis über den moderaten Wahlkampfstil hat sich
die CDU-Führung demonstrativ hinter den Kurs von Kanzlerin Angela Merkel gestellt.
Mehrere CDU-Ministerpräsidenten, unter ihnen die beiden Wahlverlierer, betonten
in Berlin, Merkels Strategie sei richtig. Jetzt gehe es darum, für „klare und
stabile Verhältnisse“ zu werben.
Präsidium und Vorstand der CDU stellten sich damit auch hinter die Linie von Parteichefin
Merkel und ihres Generalsekretärs Ronald Pofalla, trotz der Wahlerfolge der Linkspartei
keine neue Rote-Socken-Kampagne zu starten. Merkel sagte nach Sitzungen von Präsidium
und Vorstand: „Ich werde nicht in Lagern denken, sondern um Menschen werben.“
Um noch im Wahlkampf die Stabilität

Glühbirnen-Verbot tritt in Kraft
Brüssel – An diesem Dienstag tritt die erste Stufe des EU-Glühbirnenverbots in
Kraft. Damit dürfen traditionelle Glühbirnen mit einem Stromverbrauch von 100 Watt
und mehr nicht mehr in den Handel kommen – ebenso alle matten Glühbirnen. Restbestände
dürfen die Geschäfte aber noch so lange verkaufen, bis sie aufgebraucht sind. SZ

Außerdem zu den Wahlen
Rote Socken, schwarze Schuhe: Die Sozialdemokraten prüfen ihre Machtoptionen. Seite
2 Dampfmaschine: Wie Oskar Lafontaine die Linke befeuert und die SPD ängstigt. Seite
3 Verlierer-Virus: Parteifreunde halten Distanz zu Dieter Althaus und Peter Müller.
Seite 3 Milieupartei: Die Grünen haben sich zur FDP mit menschlichem Antlitz gewandelt.
Seite 4 Bibelfest und gut verdrahtet: Bodo Ramelow ist in Thüringen kaum zu bremsen.
Seite 5 Frühes Gezwitscher: Wahlleiter ermitteln wegen vorzeitiger Prognosen bei
Twitter. Seite 6

Mindestlöhne für 170 000 Arbeitnehmer
Berlin – Arbeitgeber und Gewerkschaften haben den Weg für allgemein verbindliche
Mindestlöhne in drei Branchen freigemacht. Von den Lohnuntergrenzen profitieren
etwa 170 000 Arbeitnehmer in der Abfallwirtschaft, in industriellen Großwäschereien
und bei den BergbauSpezialdiensten. Darauf hat sich der Tarifausschuss beim Bundesarbeitsministerium
geeinigt. Keine Einigung gab es für die Sicherheitsbranche. (Wirtschaft) tö

Heute in der SZ
Politik paradox Die Wahlen vom Sonntag sind für Angela Merkel beruhigend und beunruhigend
zugleich. Leitartikel von Nico Fried .... 4 Schwein ist mein ganzes Herz Hunde ziehen
Ferkel groß, Löwen kuscheln mit Antilopen – das rätselhafte Phänomen der Tieradoption
................ 9 Wende des Mittelalters Eine große Ausstellung in Magdeburg lädt
ein zum Ausflug in das Jahr 1209. Von Gustav Seibt .................................
11 Alle Spiele, kein Brot Warum Argentiniens Regierung die Fernsehrechte im Fußball
kauft. ............... 15 Weniger Dschungelcamp Der Bertelsmann-Konzern hat bereits
3700 Menschen entlassen. Auch RTL bekommt den Sparkurs zu spüren. ...... 20 Harte
Bandagen Verbraucherschützer setzen die Gas-Anbieter unter Druck – ein Gerichtsurteil
ermuntert sie dazu. ............................... 24 Aufstand der Traditionalisten
Beim HSV wird die Freude über die Tabellenführung von Debatte über den neuen Sportdirektor
überschattet. .......... 27 TV- und Radioprogramm .................. 32 Rätsel
.................................................... 15 München · Bayern ..............................
31 Familienanzeigen ............................... 28
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In Thüringens Union wächst die Kritik an Althaus
Klage über geringe Teamfähigkeit und Versäumnisse in der Landespolitik / „Zu
wenig Ideen, zu wenig Dialog“
Von Christiane Kohl Erfurt – Nach den schweren Verlusten für die CDU in Thüringen
ist am Montag parteiintern Kritik an Ministerpräsident Dieter Althaus laut geworden.
Dagmar Schipanski war die erste, die sich offen zu Wort meldete: Sie habe „den
Teamgeist vermisst“, kritisierte die bisherige Landtagspräsidentin der CDU in
Erfurt den Führungsstil von Althaus. Schipanski, die nicht wieder in den Landtag
gewählt wurde, blieb aber nicht die einzige kritische Stimme: Ex-Innenminister Christian
Köckert (CDU) rügte die Regierungspolitik der vergangenen fünf Jahre. Nicht ohne
Grund habe die CDU vor allem in den großen Städten Stimmen eingebüßt, das „verheerende
Resultat“ sei zurückzuführen auf „schwere Versäumnisse“ in der Landespolitik.
Was passiert sei, habe „viel mit dem Führungsstil von Dieter Althaus zu tun“,
warf ein Kabinettsmitglied dem NochRegierungschef vor. Ein anderer CDUPolitiker kritisiert:
„Zu wenig Ideen, zu wenig Dialog.“ Althaus habe viele Chancen vertan durch „seine
mangelnde Bereitschaft, sich mit anderen zu beraten“. Thüringens Junge Union forderte
eine „ordentliche Aufarbeitung“ möglicher Fehler. Angesichts der Dimension der
Niederlage könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, meinte JUChef Mario
Voigt. Ein CDU-Vorstandsmitglied sagte, er könne „jeden unserer Sargnägel einzeln
aufzählen“. Wie Schipanski verloren auch einige andere profilierte CDU-Politiker
nach den erdrutschartigen Stimmeneinbrüchen für die CDU ihre Mandate und reagierten
entsprechend verärgert. Althaus selbst büßte beinahe 20 Prozent an Erststimmen
in seinem Wahlkreis in Heiligenstadt ein, wurde aber klar wiedergewählt. Als sich
die CDU-Spitze in Erfurt am Montag zu Sitzungen von Präsidium und Vorstand zusammenfand,
war die Stimmung genauso gedrückt wie am Vorabend. CDU-Landesgeschäftsführer Andreas
Minschke war da erst gar nicht zur Wahlparty erschienen. Er könnte ein erstes personelles
Opfer nach dem Wahl-Desaster werden, hatte er doch im Wahlkampf voll auf Althaus
gesetzt. Am Wahlabend hatte CDU-Fraktionschef Mike Mohring angekündigt, dass man
keinesfalls die Gründe für die Verluste unter den Tisch kehren wolle: „Es wird
keine Schweigespirale geben“, sagte Mohring. Der Fraktionsvorsitzende versicherte
aber auch, vor allem anderen müsse nun zunächst eine handlungsfähige Regierung
gebildet werden, „möglichst mit der SPD“. Kritisiert wird insbesondere, dass
Althaus’ Regierungsstil oft dazu geführt habe, dass er sich auf unterschiedlichsten
Themenfeldern mit der Regierung ins Abseits begeben habe und letztlich zurückgerudert
sei, etwa bei seiner missglückten Kabinettsumbildung oder der Justizreform. Aber
auch die Art, wie er mit dem schweren Skiunfall vom Jahresbeginn umgegangen sei,
störte offenbar so manchen in der CDU. Ein CDU-Mann aus dem kirchlichen Bereich
sagte, dass es wohl ein Fehler gewesen sei, sich immer wieder in der Boulevard-Presse
über den Unfall und die persönlichen Folgen für Althaus auszulassen: „Ein Interview
zum Dienstantritt, dann hätte Schluss sein müssen damit“, sagte ein anderer Althaus-Kritiker.

„Deutsch-polnische Versöhnung ist Beispiel“
München – Die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg
ist nach Ansicht der Außenminister beider Länder auch ein Beispiel für andere
verfeindete Völker. „Trotz einer schmerzlichen Vergangenheit fanden beide Völker
den Mut zu Verständigung, Versöhnung und Freundschaft“, schreiben Radoslaw Sikorski
und Frank-Walter Steinmeier anlässlich des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls
auf Polen in einem gemeinsamen Beitrag für die Süddeutsche Zeitung. (Seite 7) SZ

Pilotenstreik führt zu Verspätungen
München – Zum zweiten Mal binnen eines Monats haben Piloten der Fluggesellschaft
LTU ihre Arbeit niedergelegt und zahlreiche Verspätungen verursacht. Insgesamt war
der Streik nach Angaben der Pilotenvereinigung Cockpit für 16 Stunden angesetzt
und sollte bis in die Abendstunden dauern; mindestens ein Flug wurde komplett gestrichen.
Grund ist ein Tarifstreit um mehr Geld für die 370 LTU-Piloten. (Wirtschaft) SZ


ls Muammar el-Gaddafi im Juli in Rom weilte, schlug er sein Zelt im Garten der Villa
Pamphili auf. In L’Aquila, beim G-8-Treffen, kampierte er auf einem Fußballfeld.
Und im November in Moskau wies man dem libyschen Staatschef für sein Zelt einen
Ehrenplatz im Park des Kreml zu. Von außen erinnert es an eine Flüchtlingsunterkunft.
Innen jedoch gleicht es einem Fünf-Sterne-Hotel, wie die Libyer stets bekräftigen:
mit Klimaanlage, Goldsesseln und Plasmafernseher. Doch in New York, wo Gaddafi Mitte
September vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen wird, hat man
für Gaddafis Pflege der Beduinen-Bräuche wenig Sinn. Am liebsten hätte Gaddafi
sein nomadisches Hauptquartier im Central Park aufgeschlagen, doch das lehnte die
Stadt ab. Dann schlug er ein großes Anwesen in Englewood/New Jersey vor, das ursprünglich
als Residenz des libyschen UN-Botschafters diente, aber seit zehn Jahren leersteht.
Sofort nach der Ankün-


Beduinen unerwünscht
Gaddafi darf sein Nomadenzelt in New York nicht aufschlagen
digung begannen Gärtner, das verwilderte Grundstück herzurichten. Bauarbeiter setzten
der 25-Zimmer-Villa „Thunder Rock“, die mit ihrer Fassade aus wuchtigen Felsbrocken
alles andere als nomadisch wirkt, ein neues Dach auf. Doch kaum hatten die Vorbereitungen
begonnen, zeichnete sich ab, dass der Gast aus der Wüste in dem friedlichen Vorort
mit 30 000 Einwohnern einen kleinen Religionskrieg unter Nachbarn auslösen würde.
Englewood ist der Sitz einer großen Gemeinde orthodoxer Juden. Und deren größte
Talmudschule liegt unmittelbar neben dem libyschen Grundstück an der Palisades Avenue.
Ein anderer Nachbar ist Rabbi Shmuley Boteach, der sich „Amerikas Rabbi“ nennt,
bei Oprah Winfrey auftritt, Michael Jackson spirituell beraten und das Buch „Kosher
Sex“ geschrieben hat. Boteach machte sich zum Sprecher der empörten Nachbarschaft:
„Es ist sehr enervierend, wenn bei Ihnen nebenan ein Finanzier des internationalen
Terrorismus einzieht“, meinte er bei einer Pressekonferenz in seinem Garten. Er
rief mit drei weiteren Rabbis und Bürgermeister Michael Wildes zu einer Demonstration
gegen den Besuch auf. Die Anschläge, die Gaddafi unterstützt habe, hätten sich
nicht nur gegen US-Bürger, sondern oft auch gegen jüdische Interessen gerichtet.
Dass kurz zuvor Abdelbasset Ali alMegrahi, einem der Drahtzieher des Anschlags auf
den PanAm-Flug 103, in Libyen ein herzlicher Empfang bereitet wurde, nachdem er vorzeitig
aus einem schottischen Gefängnis freigekommen war, frischte den amerikanischen Hass
auf

den sich zuletzt geläutert gebenden Gaddafi auf. Bei dem Anschlag über dem schottischen
Lockerbie 1988 waren 270 Menschen ums Leben gekommen. Weil klar war, dass man Gaddafi
seinen Aufenthalt in „Thunder Rock“ nicht verbieten kann, taten die Leute in
Englewood das, was man mit ungeliebten Nachbarn immer tut. Man kommt ihnen mit Vorschriften:
Die Libyer hätten zehn Bäume ohne Genehmigung gefällt und einen Metallzaun errichtet,
schimpfte Boteach. Die Stadt erließ eine einstweilige Verfügung, da bei den Bauarbeiten
benachbartes Land in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und Wildes sagte mit Hinweis
auf den Lockerbie-Anschlag: „Ich habe ein Problem mit jemandem, der zugibt, ein
Flugzeug in die Luft gesprengt zu haben, in dem 38 Menschen aus New Jersey saßen.
Dass wir seinen Müll umsonst wegfahren müssen, ist beleidigend.“ Am Freitag kam
die Entwarnung. Gaddafi werde in einem Hotel in Manhattan wohnen, hieß es. Jörg
Häntzschel

Dax j
Xetra Schluss 5465 Punkte

Dow j
N.Y. 18 Uhr 9457 Punkte

Euro i
18 Uhr 1,4352 US-$




Das Wetter
München – Im Tagesverlauf verdrängen dichte Wolkenfelder von Westen die Sonne.
Es gibt zum Teil kräftige Schauer, begleitet von Blitz und Donner. Im Osten und
Süden länger freundlich. 21 bis 32 Grad. (Seite 31)


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