Landeplatz der Wehmut: Abschied von Tempelhof / Seite 3
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DEFGH
NEUESTE NACHRICHTEN AUS POLITIK, KULTUR, WIRTSCHAFT UND SPORT
HF2 HK2 HS2 HH2 München, Mittwoch, 29. Oktober 2008 DEUTSCHLAND-AUSGABE 64. Jahrgang
/ 44. Woche / Nr. 252 / 1,70 Euro
(SZ) Die Indianer Nordamerikas haben sich, wenn man den zahllosen Wildwestfilmen
glauben kann, nicht immer so geschickt angestellt. Man kennt die Szenen: Die weißen
Siedler bilden bei Gefahr flugs eine Wagenburg und schießen aus der Deckung heraus.
Die gar nicht so roten Roten reiten nun unablässig im Kreis um die Wagenburg herum,
bis einer nach dem anderen weggeputzt ist. Da hilft das ganze Kriegsgeschrei wenig,
auch nicht die elegante Bewegung, mit der sie in vollem Galopp den Pfeil aus dem
Köcher ziehen und an die Sehne legen. Büchse gegen Bogen – von Waffengleichheit
ist da natürlich keine Rede. Aber wie kann man so etwas wie Fairness erwarten, wenn
der Mensch zum Tier wird? Dass das eigentliche Tier im Kampf gegen den Menschen eine
Chance hat, lässt sich schon lange nicht mehr behaupten. Bei dem in Bozen aufgebahrten
Ötzi, der nicht mit einem österreichischen DJ zu verwechseln ist, fand man ein
Kupferbeil, einen Eibenbogen und Pfeile aus dem Holz des Wolligen Schneeballs. Gegen
dieses Arsenal konnte sich ein listiger Hirsch, eine schlaue Gams allemal in Sicherheit
bringen. Heute haben die Jäger beheizte Sitzkissen, Repetierbüchsen mit Zielfernrohr
und spezielle Geräte, mit denen sie das Fiepen einer brunftigen Ricke imitieren.
Als Rehbock schaut man da alt aus, es sei denn, der Jäger riecht gerade nach Iltis.
Im Sinne eines sportlichen Wettkampfs ist das nicht, schließlich sind die Jäger
im Gegensatz zu den ehrbaren Wilderern nur selten auf das Fleisch angewiesen, um
zu überleben. Das ist wohl der Grund dafür, dass eine revolutionäre Zelle in der
Jägerschaft wieder zu Pfeil und Bogen greifen will, wenn auch in einer High-Tech-Ausführung,
wie sie sich weder Ötzi noch die Göttin Artemis je hätten träumen lassen. Die
archaische Jagdmethode hat schon in etlichen Ländern Anhänger gefunden, in Deutschland
ist sie aber nicht zugelassen. Weil hier weiterhin mit anhaltendem Widerstand der
traditionellen Jägermeister zu rechnen ist, sollte das Wild anderweitig eine faire
Chance bekommen. Wie das gehen kann, hat der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann
angedeutet: „Ich finde es richtig, dass man zu Beginn einer Jagd die Hasen und
Fasane durch Hörnersignale warnt.“ Was auf die Treibjagd gemünzt war, könnte
durchaus auch für die Pirsch gelten. Macht endlich Schluss mit der Leisetreterei!
Und zieht dieses biedere grüne Tarnzeug aus! (Es muss ja nicht so weit gehen wie
auf dem Rubens-Gemälde, das Artemis zeigt, wie sie mit den Nymphen zur Jagd aufbricht.)
Wenn die Tiere dann so lange im Kreis herumliefen, bis sie von Pfeil oder Kugel getroffen
würden, je nun, dann wäre ihnen auch nicht zu helfen. Blöd werden sie sein! Zwar
kann der Mensch zum Tier werden, aber das Tier nicht zum Menschen.
Bahnverkehr länger gestört
Noch bis Mitte November gilt der ICE-Ersatzfahrplan
Auf der Flucht im Kongo
Es herrscht wieder Krieg in den Hügeln des Ostkongo. Tausende sind auf der Flucht
vor den im August neu aufgeflammten Kämpfen zwischen den Rebellen des Tutsi-Generals
Laurent Nkunda und den Soldaten der Regierung von Joseph Kabila, die immer weiter
zurückgedrängt werden. Aus den Flüchtlingslagern der Region strömen die Menschen
nun in die Stadt Goma, wo sie auf Hilfe hoffen. Doch selbst die 17 000 Friedenssoldaten
der Vereinten Nationen, die auf Seiten der Regierung eingegriffen haben, sind machtlos.
Goma droht in die Hände der Rebellen zu fallen; den UN-Soldaten bleibt nur, ausländische
Helfer in Sicherheit zu bringen. (Seiten 4 und 8) Foto: AP
Berlin – Bahnreisende müssen sich im Fernverkehr in den nächsten Wochen auf Störungen
einstellen. Der sogenannte Ersatzfahrplan, der zunächst nur bis zu diesem Wochenende
laufen sollte, werde „voraussichtlich bis Mitte November“ fortgesetzt, teilte
das Unternehmen am Dienstag mit. Die Bahn sah sich aus Sicherheitsgründen gezwungen,
am Samstag fast ihre gesamte ICE-T-Flotte aus dem Verkehr zu ziehen. Deren Achsen
werden nun per Ultraschall auf Materialschäden überprüft, bevor die Züge wieder
auf die Schiene kommen. „Wir sind mit dieser Situation alles andere als glücklich,
sehen jedoch aufgrund der nicht belastbaren Garantien der Industrie für den sicheren
Einsatz der ICET-Fahrzeuge keine Alternative dazu“, sagte Vorstandsmitglied Karl-Friedrich
Rausch. Besonders von Zugausfällen und Verspätungen betroffen sind Reisende auf
der Route Hamburg-Berlin-Leipzig-Nürnberg-München, auf der normalerweise die ICE-Variante
T mit Neigemiba technik fährt. (Seite 6)
Verkaufszahlen gehen drastisch zurück
Lehman-Kunden werden entschädigt
Frankfurt – Einige deutsche Kunden der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers
werden entschädigt. Das gab die Finanzaufsicht Bafin bekannt. Erstattet wird verlorenes
Kapital auf Girokonten und Sparbriefen sowie Tagesund Festgeld. Inhaber von Lehman-Zertifikaten
bleiben jedoch auf ihren Verlusten sitzen. Diese Inhaberschuldverschreibungen sind
vom Einlagensicherungsfonds nicht abgesichert. (Wirtschaft) SZ
EU will Autoindustrie mit Krisengipfel helfen
Kommissar Verheugen: Wir befinden uns in einem tiefen Tal / Brüssel erlaubt Staaten
höhere Verschuldung
Von Cornelia Bolesch und Michael Kuntz beln. Er schlug steuerliche Anreize vor, um
den Umstieg auf neue, umweltfreundlichere Autos zu erleichtern. In diesem Zusammenhang
kritisierte Verheugen die Klimapolitik der EU. „Kunden und Hersteller sind auch
deshalb verunsichert, weil die Politik beim Thema Einsparung von Kohlendioxid keinen
klaren Kurs fährt.“ Die Leute wüssten nicht, mit welchen Steuern und Grenzwerten
sie rechnen müssten. Verheugen forderte Ministerrat und Europaparlament auf, schnell
Rechtssicherheit zu schaffen. Beide Organe beraten zur Zeit über einen Vorschlag
der Kommission, wonach der CO2-Ausstoß von durchschnittlich 160 auf 130 Gramm pro
Kilometer gesenkt werden soll. Dagegen protestieren vor allem deutsche Autofirmen.
Ohne staatliche Kredite droht der Branche laut dem Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer
vom Car-Institut Gelsenkirchen eine Welle von Konkursen. So seien allein bei den
Zulieferern 50 000 der 350 000 Arbeitsplätze in Gefahr. Von den 860 Zuliefer-Betrieben
in Deutschland sei jeder fünfte aktuell bedroht. Wegen der Krise hat die Autoindustrie
bereits Leiharbeiter nach Hause geschickt. BMW setzt 5000 weniger ein, VW baut 750
der Jobs auf Zeit ab, bei Ford sind es 200. Ihre Stammbelegschaften können die Firmen
vorerst halten, da sie über Zeitkonten die schwache Nachfrage abfedern. So hat BMW
dafür erst im Frühjahr mit seinen Arbeitnehmern den zulässigen Rahmen erweitert.
Die Hersteller und ihre Zulieferer beschäftigen zur Zeit 763 000 Menschen. Praktisch
alle großen Unternehmen kürzen derzeit die Produktion. Im BMWStammwerk in München
wird die Produktion von Montag an angehalten. Die 9000 Mitarbeiter des Werkes werden
für eine Woche nach Hause geschickt. Ein Sprecher begründete dies mit der „angespannten
Marktlage“. In München werden jährlich etwa 200 000 Fahrzeuge der 3er-Reihe gebaut.
Daimler verlängert die Weihnachtspause auf vier Wochen. Opel produziert nur am Stammsitz
Rüsselsheim wie geplant. Hier läuft der neue Mittelklassewagen Insignia vom Band.
Ford meldet Kurzarbeit für das Werk in Köln an. Der weltgrößte Zulieferer Bosch
baut Überstunden ab und verhandelt über die Verkürzung der Arbeitswoche auf 30
Stunden. Schaeffler fährt nur noch zwei statt drei Schichten. Bei Continental könnte
die Krise zu einem schnelleren Verkauf der Reifensparte führen. Ein Topmanager hält
die Einsparmöglichkeiten inzwischen für begrenzt: „Wir haben unsere Fabriken
in den vergangenen Jahren so durchrationalisiert, da kann in den Fabriken kaum noch
Personal reduziert werden, wenn wir weiter Autos bauen wollen.“ Die EU-Kommission
richtet sich wegen der Finanzkrise auch auf eine höhere Verschuldung der öffentlichen
Haushalte ein. „Wir stecken in einer sehr ernsten Krise“, sagte die Sprecherin
von Währungskommissar Joaquin Almunia der Süddeutschen Zeitung. In einigen Staaten
sei das Steueraufkommen bereits dramatisch gesunken. Die Kommission werde die reformierten
Regeln des Stabilitätspaktes nutzen und den Staaten eine stärkere Verschuldung
erlauben. (Seiten 4, 5, Wirtschaft, München)
B r ü s s e l / M ü n c h e n – Angesichts starker Einbrüche bei den Verkaufszahlen
will EU-Industriekommissar Günter Verheugen den Autoherstellern in Europa zu Hilfe
kommen. Bei einem „Autogipfel“ soll an diesem Mittwoch in Brüssel über Stützungsmaßnahmen
beraten werden. „Wir befinden uns in einem tiefen Tal“, warnte Verheugen. Die
Autoindustrie brauche konkrete Hilfe, sonst sei ein massiver Stellenabbau unvermeidlich.
Verheugen hat die Vorstandschefs der wichtigsten Autohersteller, die Wirtschaftsminister
aus Deutschland, Frankreich, Italien und anderen „Auto-Nationen“, sowie Gewerkschaften
und Verbände nach Brüssel eingeladen. Der Autogipfel findet im Rahmen einer Konferenz
statt, auf der die Kommission über die Wettbewerbsfähigkeit der Autoindustrie beraten
will. Verheugen sagte, es müsse gelingen, die Nachfrage wieder anzukur-
VW wird zum teuersten Unternehmen der Welt
Frankfurt – Die Aktie des Autoherstellers Volkswagen ist zeitweise auf mehr als
1000 Euro gestiegen. Damit war das Unternehmen mehr wert als jeder andere an den
Weltbörsen gehandelte Konzern. Grund für den Kurssprung sind Fehlspekulationen
von Hedgefonds. Die VW-Aktie verhalf auch dem Dax zu einer Erholung. (Seite 2 und
Wirtschaft) mhs
Karlsruhe verhandelt über Wahlcomputer
Berlin – Das Bundesverfassungsgericht hat Zweifel an der Sicherheit von Wahlcomputern
angedeutet. Zum Auftakt der mündlichen Verhandlung über den Einsatz elektronischer
Urnen bei der Bundestagswahl 2005 kritisierten mehrere Richter in Karlsruhe die mangelnde
Überprüfbarkeit der Stimmabgabe und der Ergebnisberechnung. Experten warnten, auch
moderne Geräte wie das in Deutschland verwendete Fabrikat seien leicht zu manipulieren.
(Seite 5) rde
Heute in der SZ
Die Fiktion vom Kap der Hoffnung Der Autor Deon Meyer verarbeitet die Widersprüche
Südafrikas zu Kriminalromanen. Von Andrea Bachstein ............ 3 Angst um Obama
Amerika und die ewige Furcht vor dem Attentäter, der die Hoffnung töten könnte.
Leitartikel von Andrian Kreye ....... 4
„Allein das Wort schwul machte mir Angst“
Ein Ex-Fußballspieler berichtet über seine Homosexualität. ..............................
9 Der wilde Norden Ein französischer Provinz-Blockbuster: „Willkommen bei den
Sch’tis“. Von Susan Vahabzadeh ..................... 11 Woher wir kommen Das
ZDF zeigt die Geschichte der Deutschen, die seit Otto I. als Doku-Disco auf 1990
zuläuft. Von Franziska Augstein 15 Müllkippe für die Ewigkeit Nuklearexperten
sind zuversichtlich, 2020 das erste Endlager für hochradioaktiven Abfall eröffnen
zu können. ...... 16 Nichts soll bleiben, wie es ist Zur EM-Qualifikation beruft
HandballBundestrainer Brand nur sieben Spieler aus dem Weltmeister-Kader. ............
29 TV- und Radioprogramm .................. 32 Leserbriefe · Rätsel ......................
31, 14 München · Bayern ............................... 30 Familienanzeigen ...............................
31
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er gedacht hätte, das Google-Universum sei nicht mehr ausdehnbar, weil es ohnehin
schon die ganze Welt erfasst – der sieht sich getäuscht. Am Montag erst war bekannt
geworden, dass die riesige New Yorker Verlagsgruppe Random House, die zum Gütersloher
Bertelsmann-Konzern gehört, ihre Bücher nach langem Zögern der Online-Buchsuche
von Google zur Verfügung stellen wird. Das heißt nicht, dass man neue Bücher,
die vom Urheberrecht geschützt sind, komplett gratis bei Google abrufen kann –
aber man kann sie nach Stichworten durchsuchen und bekommt das Gesuchte dann zusammen
mit einigen umgebenden Textseiten auf dem Bildschirm angezeigt. Dafür aber muss
der Verlag die gesamte Textmasse der Bücher der kalifornischen Internetfirma übermitteln.
Ältere Bücher aus kooperierenden Bibliotheken, die nicht mehr dem Urheberrecht
unterliegen, kann man sogar vollständig bei Google herunterladen.
Alle Bücher im Netz
Google einigt sich mit den amerikanischen Autoren und Verlagen
Nun haben sich nach jahrelangem Rechtsstreit in den USA Verlage, Autoren und Google
auf eine erneute Erweiterung dieser neuartigen Online-Bibliothek geeinigt. Damit
können Millionen zusätzlicher Bücher der beliebten Suchmaschine einverleibt werden.
Am Dienstag wurde in New York bekanntgegeben, dass die US-Autorenvereinigung Author’s
Guild, der Verlegerverband Association of American Publishers (AAP) und Google einen
Vergleich geschlossen haben: Google wird an Autoren und Verlage 125 Millionen US-Dollar
zahlen, ein Summe, die unter anderem der „Begleichung der bestehenden Forderungen
von Autoren und Verlagen“ dienen soll. Dafür lassen die Author’s Guild und die
Verlage ihre bisher anhängige Sammelklage gegen Google fallen. Diese Klage hatte
der Praxis von Google gegolten, eingescannte Bücher jeweils nur dann nicht im Internet
durchsuchbar zu machen, wenn der Rechte-Inhaber ausdrücklich widerspricht. Jetzt
aber sieht die neue Vereinbarung vor, dass Google sich von den Urheberrechtsklagen
gewissermaßen freikauft. Zum einen soll nun der Zugang zu nicht mehr im Buchhandel
lieferbaren, aber noch dem Urheberrecht unterliegenden Büchern massiv erweitert
werden. Solche Bücher sollen sämtlich in einer 20-Prozent-Vorschau einsehbar sein.
Außerdem wollen die Verlage und die Autorenvereinigung die Möglichkeit des Online-Kaufs
von neuen, also urheberrechtlich geschützten Büchern, im Zuge des
neuen Deals stark ausbauen. „Das bedeutet, dass eine Person ein vollständiges
Buch an jedem internetfähigen Computer in den USA lesen kann, wenn sie die Zugriffsrechte
für dieses Buch erworben hat“, teilt Google mit. Und Bildungseinrichtungen in
den USA werden den Zugang zu Millionen Online-Büchern gegen Gebühr abonnieren können.
Im Gegenzug will Google sich an der Vergütung für Autoren und Verlage beteiligen.
„Dieses historische Abkommen“, sagte der Chef des US-Verlegerverbands AAP, Richard
Arnoff, „ist ein Sieg für alle.“ Die neue Vereinbarung betrifft zunächst nur
den amerikanischen Markt. Doch die weltweite Sogwirkung wird gewaltig sein. Schon
jetzt sind auch viele europäische Bücher in der US-Version der Google-Buchsuche
enthalten – ganz abgesehen davon, dass einmal digitalisierte Inhalte auch Gefahr
laufen, in illegalen Tauschbörsen weitergegeben zu werden. Johan Schloemann
Russland und China bauen Öl-Pipeline
Moskau – Russland und China wollen eine Pipeline bauen, die russisches Öl von
Sibirien nach China transportiert. Darauf einigten sich beide Seiten während des
Besuchs des chinesischen Premiers Wen Jiabao in Moskau. Zudem baut Russland zwei
Reaktoren in einem chinesischen Kernkraftwerk. (Seite 8) nien
Eklat beim Zukunftspreis
München – In einem bislang einmaligen Vorgang hat die Jury des Deutschen Zukunftspreises
eine der vier offiziell nominierten Forschergruppen wieder von der Vorschlagsliste
gestrichen. Nach der Bekanntgabe der Nominierungen am 14. Oktober waren Zweifel laut
geworden, ob der Chirurg Axel Haverich tatsächlich als Erster mitwachsende Herzklappen
entwickelt hat. (Wissen) SZ
Deutsche trotz Finanzkrise in Kauflaune
Verbraucher wollen wegen fallender Energiepreise und sinkender Inflation mehr Geld
ausgeben
Von Uwe Ritzer Nürnberg – Die Deutschen reagieren erstaunlich gelassen auf das
Chaos an den Finanzmärkten. Allen düsteren Wirtschaftsprognosen zum Trotz steigt
ihre Kauflaune etwas. Der Konsumklima-Index des größten deutschen Marktforschers
GfK weist für November im Vergleich zum Vormonat eine Zunahme von 1,8 auf 1,9 Punkte
auf. Der private Verbrauch habe sich erfreulich stabilisiert, wenn auch auf niedrigem
Niveau, erklärten die Marktforscher. Vor einem Jahr stand ihr Index noch bei 6,4.
„Es gibt keinen Grund zur Euphorie, aber auch keinen für Panik“, kommentierte
GfK-Chef Klaus Wübbenhorst die Zahlen. Er hält es sogar für möglich, dass der
private Konsum 2009 wieder stärker anziehen wird. Vor allem dann, wenn die Preise
für Öl und Sprit weiter sinken und die Inflationsrate mit nach unten ziehen sollten.
Allein deshalb rechnen viele Bundesbürger damit, in nächster Zeit wieder mehr Geld
in der Tasche zu haben. Die eigenen Einkommensaussichten sind ein wesentliches Kriterium
für die Konsumlaune. Auch das Rettungspaket der Bundesregierung für die Banken
vermittle ein Gefühl von Sicherheit, heißt es in der GfKStudie. Und dass die Finanzmarktkrise
bislang nicht erkennbar negativ auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen hat, beruhige
obendrein viele Konsumenten. Nur sehr vereinzelt stießen die Marktforscher auf Sparer,
die ihr Geld aus Misstrauen gegenüber Banken lieber bar zu Hause oder im Schließfach
aufbewahren. Die meisten machen sich jedoch keine Sorgen um das Ersparte und vertrauen
ihren angestammten Geldinstituten. Vor allem die Sparkassen stehen hoch im Kurs,
wie eine andere GfK-Studie vor wenigen Tagen ergab. In Zeiten der Finanzkrise scheint
sich zudem als Stärke zu erweisen, was den Bundesbürgern in der Vergangenheit häufig
als Ausdruck ihrer Rückständigkeit vorgehalten wurde: Nur wenige besitzen Aktien.
Die Mehrheit der Bevölkerung hat ihr Geld sicher angelegt und ist daher von den
Turbulenzen an den Börsen nicht direkt betroffen. Dennoch lassen die Deutschen gewisse
Vorsicht walten. Vor großen Anschaffungen schreckt man derzeit zurück, was vor
allem auf die Geschäfte der Automobilbranche durchschlägt. Die größte Angst hegen
die Verbraucher nach den GfK-Erkenntnissen derzeit jedoch „vor einem Abgleiten
der deutschen Wirtschaft in die Rezession“. Um das zu verhindern, käme es „wesentlich
darauf an, dass bei den Konsumenten das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder wächst“,
heißt es in der GfK-Studie. Nur dann bestünde die berechtigte Hoffnung, dass der
Arbeitsmarkt und die Kaufkraft stabil bleiben. In Verbindung mit einer niedrigen
Inflationsrate werde dies „belebend auf den privaten Verbrauch wirken“. Eine
gesicherte Prognose für die kommenden Monate wagte GfK-Chef Klaus Wübbenhorst zwar
nicht. Für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft zeigte er sich jedoch vorsichtig
optimistisch. Es gebe viele Menschen, die bei Geschenken nicht sparen müssten, sagt
er. Vor allem für Luxusgüter und innovative Elektronik stünden die Absatzchancen
daher gut. Im Übrigen: „Am Ende wird es doch wieder so sein, dass man sich doch
etwas gönnt“, glaubt der GfK-Chef.
Dax i
Xetra Schluss 4823 Punkte
Dow i
N.Y. 18 Uhr 8399 Punkte
Euro j
18 Uhr 1,2466 US-$
Das Wetter
München – Im Nordwesten nach Auflösung der Frühnebel meist trocken und hin und
wieder Sonnenschein. Von Baden-Württemberg und Bayern bis zur Lausitz dichte Wolken
und anhaltende Regenfälle. Vier bis zehn Grad. (Seite 32)